Behauptung: Ein Meme zeigt die frühere türkische Familienministerin Sema Ramazanoğlu (AKP) mit der Überschrift „Nach Kindermissbrauchs-Skandal“ und dem Zitat „Von einmal vergewaltigt werden passiert doch nichts.“
Bewertung: Verfälscht / so nicht belegt. Der Satz im Meme ist in keiner geprüften Quelle als Äußerung Ramazanoğlus belegt. Belegt ist eine andere Aussage vom 22. März 2016: Ein einmaliger Vorfall sei kein Grund, eine Stiftung zu „verunglimpfen“. Diese Aussage wurde in der Türkei als Verharmlosung kritisiert. Der Missbrauchsfall selbst ist real und gerichtlich festgestellt.
Was behauptet wird
Laut dem Meme hat Ramazanoğlu nach einem Missbrauchsskandal gesagt: „Von einmal vergewaltigt werden passiert doch nichts.“ Der Satz soll also eine Aussage darüber sein, wie schwer eine Vergewaltigung wiegt. Ähnliche Fassungen wurden schon 2016 verbreitet, auf Türkisch als „Bir kereden bir şey olmaz“ („Einmal ist keinmal“ bzw. „Von einem Mal passiert nichts“) und auf Deutsch zum Beispiel als „Einmal vergewaltigt werden, ist wirklich nicht schlimm“. Das österreichische Portal Heute.at berichtete im September 2021, dass die Zuschreibung wieder kursierte, und nannte sie eine Falschaussage.
Was belegt ist
Der Missbrauchsfall: Im März 2016 berichtete die Zeitung Birgün über sexuellen Missbrauch in Wohnheimen in Karaman (Zentralanatolien). Diese standen der Ensar-Stiftung (Ensar Vakfı) und dem Verein KAİMDER nahe. Beschuldigt war der Grundschullehrer Muharrem B. Laut WELT (13.04.2016) dokumentierten die Ermittler zehn Fälle. Es gab Hinweise auf mindestens 45 betroffene Kinder. Laut bianet nahm das Schwurgericht Karaman (Karaman Ağır Ceza Mahkemesi) die Anklage zu den zehn dokumentierten Fällen an.
Das Urteil: Am 20. April 2016 verurteilte das Gericht den Lehrer Muharrem Büyüktürk zu insgesamt 508 Jahren und 3 Monaten Haft. Die Anklagepunkte waren unter anderem qualifizierter sexueller Missbrauch von Kindern, Freiheitsberaubung, Körperverletzung und das Zeigen obszöner Inhalte. Das berichteten BBC News Türkçe und die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı. Bei der Polizei hatte er die Vorwürfe zunächst gestanden, vor Gericht bestritt er sie (BBC Türkçe).
Die tatsächliche Aussage der Ministerin: Ramazanoğlu war vom 24. November 2015 bis 24. Mai 2016 Ministerin für Familie und Sozialpolitik. Am 22. März 2016 beantwortete sie bei der Vorstellung des Seniorenhilfeprogramms YADES in Ankara Fragen von Journalisten zum Fall Karaman. Die Zeitung Cumhuriyet veröffentlichte die Antwort am selben Tag unter der Überschrift „Aile Bakanı’na bak… ‚Bir kere olması karalamak için gerekçe olamaz‘“. Der entscheidende Teil lautet im Original:
„Her zaman kötü niyetli insanlar, bazı işleri su istimal edebilen insanlar olabiliyor. Buna bir kere rastlanmış olması hizmetleri ile ön plana çıkmış bir kurumumuzu karalamak için gerekçe olamaz. Biz Ensar Vakfı’nı da tanıyoruz, hizmetlerini de takdir ediyoruz, ama öteki taraftan bunu yapan kişi için de sıfır toleransla hukuki açıdan bütün takibimizi yapıyoruz.“
Übersetzung (eigene, sinngemäß): „Es kann immer böswillige Menschen geben, Menschen, die manche Dinge missbrauchen. Dass so etwas einmal vorgekommen ist, kann kein Grund sein, eine unserer Einrichtungen zu verunglimpfen, die sich durch ihre Dienste hervorgetan hat. Wir kennen die Ensar-Stiftung und schätzen ihre Arbeit. Andererseits verfolgen wir den Täter juristisch mit null Toleranz.“
Laut Cumhuriyet sagte sie außerdem, ihr Ministerium habe sich dem Verfahren angeschlossen. Fachkräfte und Psychologen des Ministeriums hätten die Familien besucht und betreuten die Kinder. Auch Milliyet (23.03.2016) und bianet geben die Aussage gleichlautend wieder. Die WELT übersetzte sie so: „Dass es einmal zu einem solchen Vorfall kam, ist kein Grund, eine Einrichtung zu beschmutzen, die gute Dienste leistet.“
Ramazanoğlus Reaktion auf die Zuspitzung: Am 4. April 2016 sprach Ramazanoğlu im türkischen Parlament. Laut Memurlar.net (05.04.2016) wies sie die Fassung „Bir kere tecavüzden bir şey olmaz“ („Von einer einmaligen Vergewaltigung passiert nichts“) als „tamamen düzmece ve uydurulmuş“ zurück, also als „völlig gefälscht und erfunden“. Ihre Aussage habe bedeutet, man solle den Verdacht nicht auf alle Menschen ausdehnen, die die Dienste der Einrichtung nutzen.
Was nicht belegt ist
- Der Satz „Von einmal vergewaltigt werden passiert doch nichts“ und die türkische Entsprechung „Bir kereden bir şey olmaz“ kommen in den geprüften Wiedergaben ihrer Äußerung vom 22. März 2016 nicht vor (Cumhuriyet, Milliyet, bianet).
- Ramazanoğlu sprach über einen „einmaligen“ Vorfall in Bezug auf die Stiftung. Eine Aussage über die Folgen oder die Schwere einer Vergewaltigung für die Opfer ist nicht belegt.
- Die türkische Faktencheck-Plattform Malumatfuruş (12.04.2023) stellt ebenfalls fest: Der belegte Satz lautet nicht „Bir kereden bir şey olmaz“. Ein AKP-Abgeordneter forderte im Parlament am 28. Februar 2018 eine Oppositionsabgeordnete auf, die zugespitzte Fassung zu belegen. Das dokumentiert Malumatfuruş.
- Einige türkische Online-Medien verwendeten am 22. März 2016 die zugespitzte Formulierung als Überschrift. Ein Beispiel ist istanbulgercegi.com. Im Text zitierten sie aber den tatsächlichen Wortlaut „Bir kere rastlanmış olması …“. Das ist eine mögliche Quelle der Zuspitzung. Ob sie der Ursprung ist, lässt sich nicht abschließend belegen.
Einordnung / Kontext
- Kritik an der echten Aussage: Auch der korrekte Wortlaut wurde in der Türkei kritisiert. Cumhuriyet nannte die Antwort „skandalös“ und schrieb, die Ministerin habe den Lehrer und die Stiftung verteidigt. Der Birgün-Journalist Serbay Mansuroğlu, der den Fall aufgedeckt hatte, sagte der WELT: „Anstatt die Kinder zu schützen, schützt die Ministerin die Einrichtung.“ Kritisiert wurde auch die Formulierung „einmal“: Die Anklage umfasste zehn Kinder, und es gab Hinweise auf weitere Betroffene.
- Opposition: Am 5. April 2016 sagte CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu auf der Fraktionssitzung seiner Partei, die Familienministerin habe sich „vor gewisse Leute gelegt“ („birilerinin önüne yatmış“). Gemeint war laut WELT, sie stelle sich schützend vor jemanden (Birgün, 05.04.2016). Das ist eine Bewertung der Opposition. Ramazanoğlu klagte wegen dieser Wortwahl. Laut Hürriyet (03.03.2018) bestätigte das Regionalgericht Ankara eine Entschädigung von 10.000 TL. Begründung: Die Äußerung sei in der Öffentlichkeit sexuell verstanden worden.
- Parlament: Die prokurdische HDP beantragte eine Interpellation (gensoru) gegen Ramazanoğlu. Die AKP-Mehrheit lehnte es am 4. April 2016 ab, den Antrag auf die Tagesordnung zu setzen (Cumhuriyet, 05.04.2016). Die WELT schreibt den Antrag auf Amtsenthebung der CHP zu. Türkische Berichte nennen die HDP als Antragstellerin.
- Kein Urteil über Gruppen: In diesem Fall wurde ein einzelner Täter verurteilt. Weitere behördliche Ermittlungen gegen die Stiftung, den Verein und Behördenvertreter wurden laut BBC Türkçe im April 2016 geführt. Ihr Ergebnis haben wir nicht geprüft. Der Fall lässt keine Rückschlüsse auf Religions- oder Volksgruppen zu.
Fazit
Das Meme legt Sema Ramazanoğlu einen Satz in den Mund, der nicht belegt ist. Er stellt ihre Aussage als Verharmlosung von Vergewaltigung dar. Tatsächlich sagte sie, ein einmaliger Vorfall sei kein Grund, die Ensar-Stiftung zu „verunglimpfen“, und kündigte die strafrechtliche Verfolgung des Täters an. Diese Aussage war in der Türkei umstritten und wurde als Schutz der Stiftung kritisiert. Der Missbrauch von mindestens zehn Kindern ist gerichtlich festgestellt. Bewertung: Verfälscht / so nicht belegt.
Quellen
- Cumhuriyet, 22.03.2016: Aile Bakanı’na bak… „Bir kere olması karalamak için gerekçe olamaz“ (türkisch, Wortlaut der Aussage)
- Milliyet, 23.03.2016: Bir kere olması karalamak için gerekçe olamaz (türkisch)
- bianet: Aile Bakanı: Bir Kere Olması Ensar Vakfı’nı Karalamak için Gerekçe Olamaz (türkisch)
- WELT, 13.04.2016: „Ich habe mich gewehrt. Ich hatte große Angst vor ihm“
- BBC News Türkçe, 20.04.2016: Karaman skandalı: Muharrem Büyüktürk’e 508 yıl ceza (türkisch)
- Anadolu Ajansı, 20.04.2016: Karaman’daki cinsel istismar davasında rekor ceza (türkisch)
- Memurlar.net, 05.04.2016: Ramazanoğlu weist „Bir kere tecavüzden bir şey olmaz“ zurück (türkisch)
- Cumhuriyet, 05.04.2016: Interpellation der HDP abgelehnt (türkisch)
- Birgün, 05.04.2016: Kılıçdaroğlu über die Familienministerin (türkisch)
- Hürriyet, 03.03.2018: Kılıçdaroğlu 10 bin TL tazminat ödeyecek (türkisch)
- Malumatfuruş (Faktencheck), 12.04.2023: „Bir Kereden Bir Şey Olmaz“ (türkisch)
- Heute.at, 14.09.2021: Vergewaltigung von 45 Kindern in türkischer Islam-Schule










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